Sportler:innen nehmen in der verbalen und non-verbalen Kommunikation eine besondere Rolle ein – häufig, ohne sich dessen bewusst zu sein. Aus diesem Grund haben wir fünf Kommunikationsperspektiven für Leistungssportler:innen entwickelt, die zur Reflexion anregen sollen.
Immer dann, wenn wir Kommunikationsworkshops für Leistungssportler:innen durchgeführt haben, stand die Rolle von Athlet:innen in unterschiedlichen Kommunikationssituationen im Mittelpunkt. Dabei zeigte sich, dass die meisten Sportler:innen davon ausgingen, von ihrem Umfeld als „ganz normale Menschen“ wahrgenommen zu werden. Dass sie zugleich Leistungssportler:innen, Idole und Vorbilder sind – und damit Erwartungen und Zuschreibungen verbunden sind, die ihnen von verschiedenen Anspruchsgruppen oftmals unbewusst entgegengebracht werden –, war hingegen nur wenigen bewusst.
Vor diesem Hintergrund haben wir bei SPOTENZIAL® – Dienstleistungen für den Sport von D3Smedia – fünf Denkanstöße formuliert. Sie zeigen auf, durch welche „Brillen“ Fans, Sponsoren und andere Anspruchsgruppen Leistungssportler:innen, Spitzenteams und Einzelathlet:innen wahrnehmen könnten.
1. Sportler:innen verkörpern auch "privat" sportliche Attribute
Sportler:innen erbringen im Wettkampf Höchstleistungen und verkörpern dabei bestimmte Eigenschaften und Werte: körperliche und mentale Stärke, Dynamik, Zielstrebigkeit, Hartnäckigkeit, Erfolg oder Durchhaltevermögen. Zumindest werden sie während des Wettkampfs häufig so wahrgenommen. Da Menschen andere Personen unbewusst kategorisieren und einordnen, liegt es nahe, dass dieses während des Wettkampfs entstandene Bild auch auf andere Situationen übertragen wird. Die Zuschreibungen wirken somit häufig über den sportlichen Kontext hinaus – selbst dann, wenn sie dem privaten Selbstbild der Athlet nicht entsprechen.
2. Schüchterne Sportler werden fälschlicherweise als arrogant wahrgenommen
Verfolgt man diesen Gedanken weiter, wird deutlich, warum ruhige oder schüchterne Athlet:innen häufig missverstanden werden. Schüchternheit wird normalerweise eher mit Bescheidenheit und Zurückhaltung verbunden – Eigenschaften, die grundsätzlich positiv bewertet werden. Werden Sportler:innen jedoch automatisch mit den zuvor beschriebenen Attributen assoziiert, können Fehlinterpretationen entstehen. Athlet:innen, die von Natur aus Hemmungen haben, auf andere Menschen zuzugehen, wirken dann möglicherweise distanziert oder arrogant. Tatsächlich entspricht diese Wahrnehmung jedoch oft nicht ihrer Persönlichkeit.
3. Menschen schauen zu Leistungssportler:innen auf
Dieses Spannungsfeld zeigt sich auch in der Vorbildfunktion von Sportler:innen. Zuschauende, Fans und Sponsoren begegnen Athlet:innen häufig in einer Art Idolrolle. Das erscheint nachvollziehbar, denn Leistungssportler:innen haben etwas erreicht, das vielen anderen verwehrt geblieben ist: den Aufstieg in die sportliche Elite ihrer Disziplin.
Dadurch werden Spitzensportler:innen oft als privilegierte Persönlichkeiten wahrgenommen, zu denen man aufblickt. Diese Dynamik kann sowohl auf bewusster Ebene stattfinden – etwa bei einem Kind, das mit leuchtenden Augen um ein Autogramm bittet – als auch unbewusst, beispielsweise wenn ein:e Sponsor:in besonders vorsichtig oder respektvoll in ein Gespräch einsteigt.
4. Athlet:innen kommunizieren häufiger, als sie denken
Diese Erkenntnis ergibt sich unmittelbar aus den vorherigen Perspektiven. Sportler:innen, die auf dem Spielfeld emotional, ausdrucksstark oder extrovertiert auftreten, kommunizieren bereits mit ihren Anspruchsgruppen, ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben. Allein Mimik, Gestik und Körpersprache schaffen eine Verbindung zum Publikum. Leistungssportler:innen sollten sich dieser Wirkung bewusst sein. Nicht selten entsteht eine Wahrnehmungslücke zwischen dem selbstbewussten Auftreten in der Arena und der eher zurückhaltenden Persönlichkeit außerhalb des sportlichen Umfelds. Diese Diskrepanz ist keineswegs problematisch – sie sollte Athlet:innen jedoch bewusst sein, um Missverständnisse besser einordnen zu können.
5. Perspektivwechsel wagen
Was grundsätzlich für alle Menschen gilt, ist auch für Leistungssportler:innen von großer Bedeutung: Ein Perspektivwechsel kann hilfreich sein. Wie fühlt sich ein VIP-Gast während eines Gesprächs mit einer Athletin oder einem Athleten? Welche Erwartungen hat ein Kind, das sich ein Autogramm wünscht? Welche Rolle nehme ich ein, wenn ich mit Fans meines Vereins spreche? Welche repräsentative Funktion erfülle ich innerhalb meines Teams oder Clubs? Sich solche Fragen zu stellen, fördert die Selbstreflexion und das Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen. Gerade für Leistungssportler:innen kann dies ein wichtiger Schritt in der persönlichen Entwicklung sein. Denn die Bereitschaft, eigenes Verbesserungspotenzial anzuerkennen, ist keine Schwäche – sondern eine Stärke.
Fazit
Leistungssportler:innen werden nicht nur an ihren sportlichen Leistungen gemessen, sondern auch an ihrer Wirkung auf andere Menschen. Ob bewusst oder unbewusst – sie kommunizieren ständig und nehmen dabei unterschiedliche Rollen ein: Vorbild, Identifikationsfigur, Repräsentant:in oder Gesprächspartner:in. Wer sich dieser besonderen Wahrnehmung bewusst ist und regelmäßig die Perspektive anderer einnimmt, kann Missverständnisse vermeiden, authentischer auftreten und die eigene Wirkung gezielt reflektieren. Kommunikation ist damit nicht nur eine Begleiterscheinung des Leistungssports, sondern ein wichtiger Bestandteil der Persönlichkeit und des öffentlichen Auftretens von Athlet:innen.
